Was ist eigentlich das Skandalöse am UK-Hacking- und Abhörskandal, NoW?

20. Juli 2011

Diese Frage wird man – je nach Standpunkt – unterschiedlich beantworten müssen!

Ein Konsument dieser Medien, ob Zeitungsleser oder TV-Seher, kann sich eigentlich nicht empören. Es wäre scheinheilig, denn offenbar will er es nicht anders. Der kommerzielle Erfolg gibt den Skandalmedien ja scheinbar recht?
Keiner wird gezwungen, die Murdoch-Presse zu kaufen. Das gilt übrigens weltweit. Viele tun es trotzdem!

Die Wettbewerber sind abgetaucht! Sie wollen so den Eindruck vermitteln, dass der NoW-Skandal ein singulärer Ausrutscher dieses ungehobelten Australo-Amerikaners und seiner Leute sei. Das wird ihnen wohl nicht gelingen!

Nicht nur suchte Rebekah Brooks, Murdochs rote Boulevard-Hexe, seit Monaten und wissend was auf sie zukommt, nach Beweisen, dass auch die anderen Verlage Detektive beschäftigt und Telefone abgehört haben. Diese Vermutung entspricht auch dem gesunden Menschenverstand, denn erstens hat es immer Fluktuation von Personal zwischen den Verlagen gegeben und dann könnte wohl auch kein Wettbewerber auf die Dauer gegen diesen „Wettbewerbsvorteil“ mit sauberer Weste bestehen?

Was will der Boulevard-Leser eigentlich? Die neuesten, die unglaublichsten, die geilsten Nachrichten, die Demaskierung der unerreichbaren Promis als Menschen „wie du und ich“, oder will er ein fades, nach hochmoralischen Maßstäben entstandenes Käse- oder Kirchenblatt?

Die Politik ist zumindest vordergründig empört! In Wirklichkeit sind Politik und Medien wie voneinander Abhängige, wie Junkie und Dealer und dies mit manchmal wechselnden Rollen. Murdoch hat Blair gemacht, Brown verhindert und Cameron gemacht und alle vier wissen das. Cameron hat sich nicht umsonst alle vierzehn Tage mit Murdoch bzw. dessen Topmanagement getroffen und diese durch die Hintertür von Downing Street Nr. 10 ein- und ausgeschleust. Er wusste was er tat und wie dies wirken musste. Brooks zählte als Nachbarin sogar zum Freundeskreis von Cameron. Da wirkten welche abgestimmt zusammen wie altgediente Synchronschwimmerinnen. Und dann die Querverbindungen: Der Einstieg von NoW- und anderen Murdoch-Leuten in Camerons Mannschaft.

Die Opposition um Milliband ist merkwürdig gedämpft in ihrem Protest? Sicher haben auch deren Politiker ihre Kontakte, Zugänge, „enchufes“ zu den Medien?

Politik und Medien: Man säuft, kokst, hurt und kotzt zwar allabendlich zusammen, aber man spricht natürlich nicht über die Arbeit? Alles klar, wer’s glaubt…

Die Polizei sitzt zwischen Politik, Medien und Konsumenten und weiss sehr viel über alle Beteiligten, denn sie verfügt über die notwendige Hard-, Soft- und „Humanware“ zur Informationsgewinnung und sie agiert an den Schnittstellen der genannten Gruppen. Sie wollen ihren Teil vom Kuchen abhaben, deren Verzehr sie täglich und nächtlich dokumentieren. Einige lassen sich deshalb für Informationen und womöglich für andere Gefälligkeiten bezahlen. Sie stellen hochbezahlte Berater aus der Medienbranche ein, ein „Kickback“ ist dabei nicht auszuschließen…

Was wollen die Beteiligten eigentlich?

Die Leser wollen nicht gelangweilt werden. Sie wollen Unterhaltung die sie darin bestärkt, dass die Welt schlecht sei und die anderen, besonders die Promis, noch viel schlechter als man selbst. Sie wollen die „Vermenschlichung“ auf niedrigem Niveau. Vermutlich akzeptieren sie dabei auch Lügen, wenn die Geschichte nur gut ist? Dafür bezahlen sie…

Die Medien wollen Gewinn machen. Sie bieten dem Konsumenten das, wofür er zu zahlen bereit ist. Grundsätzliche moralische Aspekte leiten sie vermutlich nicht. Sie ergreifen aber als Interessenwahrer des lokalen und globalen Kapitalismus durchaus die Partei einer politischen Richtung, bzw. sie versuchen sich die Partei mit den günstigsten Gewinnaussichten gewogen zu stimmen. Das bedeutet, sie müssen es prinzipiell mit allen Parteien treiben, trotz aller klar ersichtlichen Präferenzen!

Die Politik möchte ungestört agieren! Das bedeutet ihre Botschaft möglichst positiv ans Volk gebracht – eben gut verkauft – sehen. Politiker sehen die Medien entweder als PR-Agenturen oder als Feinde, die üble Propaganda verbreiten. Die Medien können es aber nicht jedem Politiker immer recht machen, daraus entsteht zwangsläufig Reibung. Mit Geld, Information und schmutzigen Geheimnissen entstehen wechselseitige Abhängigkeiten voneinander.

Was wird nun in England geschehen?
Es wird ritualisierte Anhörungen geben. Es werden Untersuchungen gestartet, die eine lange Laufzeit haben. Alle Beteiligten werden versuchen Druck aus dem Kessel, Dampf abzulassen. Es wird ein paar Bauernopfer geben (müssen).
Die Beteiligten werden sich keinen Spiegel vorhalten lassen wollen, in dem sie ihr hässliches Gesicht sehen würden. Das muss nun wirklich nicht sein!

Und David Cameron? Der macht farblos weiter wie bisher, mit hohlem Pathos…

PS: Theoretisch ist Murdochs BSkyB Geschäft noch immer möglich, auch wenn es momentan natürlich nicht so aussieht. Wer sollte denn dessen Geschäfte in UK künftig betreiben? Wieder so ein Ausländer?