Nordafrikanischer Dominoeffekt: Greifen die Unruhen über?

17. Januar 2011

Theoretisch könnten sich die Unruhen von Tunesien ausgehend auf die gesamte Südostküste des Mittelmeeres ausbreiten. Daraus könnte im ungünstigsten Falle ein Flächenbrand unter den arabischen Völkern entstehen. Zwar ist es nicht schade um jeden Diktator der aus dem Amt verschwindet, aber es müsste dann auch ein einigermaßen funktionierendes, demokratisch legitimiertes System folgen, sonst kämen die Menschen nur vom Regen in die Traufe!

Nun scheint Israel die Lage dazu zu nutzen, den status quo bei den stockenden Friedensgesprächen mit den Palästinensern einzufrieren, zu zementieren mit dem treuherzig vorgetragenen Argument, dass man ja nicht wissen könne, ob diese labilen Systeme Vereinbarungen überhaupt langfristig einzuhalten in der Lage wären. (HAARETZ berichtete gestern. Siehe dazu den vorigen Artikel in diesem Blog.)

Anscheinend waren die Europäer genauso unvorbereitet von der Entwicklung wie die arabischen Diktatoren selbst? Europa muss ein vitales Interesse daran haben, dass an seiner Südgrenze stabile wirtschaftliche, soziale und politische Verhältnisse herrschen. Einen oder mehrere Bürgerkriege, soziale Unruhen die Flüchtlingsströme auslösen könnten und wohl auch würden, wären das letzte, was die EU sich wünschen könnte. Das Mittelmeer stellt keine ernsthafte Grenze mehr dar. Das zeigen die konstanten Flüchtlingsströme der letzten Jahre nach Spanien, Italien und Griechenland. Einem Ansturm verzweifelter Menschenmassen hätte Europa nichts entgegen zu setzen…

Wem also könnte die Lage nützen? Zunächst einmal den Menschen, die ihre Diktatoren zum Teufel gejagt haben! Die Frage ist, was kommt danach? Militärs, Islamisten, Gotteskrieger, Demokraten? All dies hat unmittelbaren Einfluss auch auf den Nahost-Konflikt, mittelbar auf den Konflikt mit dem Iran und womöglich auf die Entwicklung des Islams als politische Kraft. Nützt die Lage Israel? Nicht notwendigerweise, trotz der schnellen Reaktion Netanyahus von gestern! Aber man darf dabei nicht vergessen, dass Israel zu den meisten dieser Diktatoren inoffizielle Beziehungen verschiedenster Art unterhielt, mit dem Ergebnis, dass diese Länder stillhielten im Nahost-Konflikt egal ob sie dies aus Einsicht, Vorsicht, Klugheit oder Korruption taten.

Von der Vorsicht und Klugheit der Beteiligten wird es abhängen, ob sich diese Staaten in Demokratien transformieren lassen, oder ob sich die Massen radikalisieren, was im Ergebnis auf den „Clash of civilizations“ hinauslaufen könnte. Dann stünde sicher die NATO bereit, „Gewehr bei Fuss“ sozusagen, um entsprechend ihrer neuen Doktrin, dem Westen die Energieversorgung zu gewährleisten.