Recep Tayyip Erdoğan zunehmend unkalkulierbar? Setzen die USA auf Abdullah Gül?

29. September 2013

Erdoğan hatte in letzter Zeit keine Erfolgserlebnisse bei Obama. An den wesentlichen Schritten in der Syrien Krise war er nicht beteiligt, bzw. wurde er nachträglich auf dem Dienstweg durch die Außenminister informiert. Dies hat ihm sicher nicht gefallen. Ob Syrien, Ägypten, Israel, oder Palästina, in der UN, im Sicherheitsrat, die Positionen Erdoğans erhielten selten Beifall in Washington, DC. Kein Treffen mit Obama beim G20 in St. Petersburg, obgleich er sich selbst öffentlich dafür empfohlen hatte.

Der Kauf des chinesischen Raketenabwehrsystems FD-2000 ist durchaus rational begründbar, weil es billiger ist, weil es gemeinsam produziert wird, weil Technologietransfer an die Türkei vereinbart wurde. Gleichwohl ist es ein Affront an die NATO, die USA und deren Rüstungsindustrie.

Ob das chinesische FD-2000 besser wäre als die Konkurrenten Russlands Rosoboronexport S-400, das Französisch-italienische Eurosam Aster 30 oder das US Raytheon Patriot, vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist, die Türkei hätte vom Westen nicht dieses Gesamtpaket bekommen.

Die Frage ist, ob Erdoğan emotional reagiert hat, ob er beleidigt ist, oder ob er sich kühl kalkulierend bei dieser Gelegenheit einfach etwas mehr Manövrierfreiheit verschaffte. Wenn er regionale Hegemonialmacht aus eigener Kraft sein möchte, dann braucht er diese Handlungsfreiheit und darf nicht als Wachhund der USA an der Grenze von Europa und Asien gelten. Aber auch das „türkische Modell“ eines politisch gemäßigten Islam bei demokratischen Verhältnissen steht auf dem Prüfstand. Ob es nach den jüngsten Erfahrungen in Lybien, Ägypten und Syrien noch Bedarf an politischen islamischen Gesellschaftsmodellen gibt, das darf bezweifelt werden. Säkulare Systeme haben offenbar auch ihre Vorteile. Vorbild dafür ist die Türkei Erdoğans jedenfalls nicht. Dort scheinen die Zeiten Atatürks endgültig vorbei zu sein?

Dass sich die Beziehungen zu den USA zur NATO und Europa dadurch etwas verschlechtern ist wohl der unvermeidbare Preis dafür. Andererseits wissen alle Beteiligten genau, was sie an der Türkei haben und das wird sich aus Eigennutz des Westens schnell einpendeln und regeln.


Erdogans Meisterstück?

2. September 2009

Sollte es ihm gelingen zwischen Türken und Armeniern normale Beziehungen und offene Grenzen herzustellen, dann dürfte er zum größten Politiker der Türkei seit Atatürk werden? Dazu gehörte meines Erachtens allerdings auch ein ehrlicher Umgang mit der Geschichte. Der Armenier-Genozid war eben kein zufälliges Produkt von Kriegswirren. Die Armenier wurden schon etwa fünfzig Jahre zuvor im Osmanischen Reich bei Progromen verfolgt und vernichtet. Das war sogar Thema beim Berliner Kongress, wo Otto von Bismarck sich allerdings nicht für sie verwendete, da er den Nutzen des Osmanischen Reiches für höher einschätzte! Wenn Erdogan darüber hinaus eine friedliche Lösung der Kurden-Frage findet und durchsetzt, dann könnte er sogar aus dem langen Schatten des Republik-Gründers heraus treten? Jedenfalls hat sich Erdogan einen außenpolitischen Spielraum verschafft, wie noch keiner seiner Vorgänger vor ihm! Ich sage dies, obwohl mir vieles an seinen Aktionen nicht gefällt, aber er ist ja schließlich auch für die Türkei zuständig, und nur für die Türkei, und nicht für mich;-))