Hat Putin Erdogan abgezockt?

Der Jahrzehnte alte latente Konflikt zwischen Azerbaidjan und Armenien um das international weder als legitim noch gar als Staat anerkannte Gebiet Berg-Karabach auf azerischem Territorium ging am 27. September 2020 urplötzlich in einen heissen Krieg über, bei dem die Interessenparteien, wie in diesem Gebiet nicht unüblich, nicht auf den ersten Blick klar waren.

Russland verkaufte Waffen an beide Seiten. Israel verkaufte Waffen, z.B. Drohnen an Azerbaidjan, das zugleich ein wichtiger Energielieferant Israels und ein strategischer Partner in einem möglichen Konflikt zwischen Israel und dem Iran wäre (Flughäfen am Kaspischen Meer, welche die Reichweite der israelischen Air Force gewaltig erweitern würden!).
Dann war da die Türkei Erdogans, der mitten im türkischen Wirtschaftschaos seinen fiebrigen Großmachtsträumen nachhing und Azerbaidjan direkt militärisch und mit Hilfe aus Libyen importierter Söldner unterstützte.

Der militärische Erfolg Azerbaidjans war so klar, daß sich Putin am Ende gar beeilen musste um eine totale militärische Niederlage Armeniens im letzten Moment zu verhindern. Möglicherweise war es der versehentliche Abschuß eines russischen Helikopters über armenischem Territoriums durch Azerbaidjan, der genug Druck aufbaute um dessen Präsidenten Ilham Aliyev zur Unterschrift unter den Waffenstillstand zu nötigen, der letztlich die armenische Kapitulation, „den totalen Endsieg“ verhinderte?

In Moskau wurde nach Verhandlungen der Kriegsparteien (ohne die Türkei!) ein Waffenstillstand unterzeichnet, der für Armenien nahezu einer Kapitulation gleich kam, so klagte zumindest dessen Präsident Nikol Pashinyan:

Das Territorium Berg-Karabachs hatte sich zu Gunsten Azerbaidjans um etwa 30% oder 12.000 km2 verkleinert und dies in strategisch entscheidenden Gebieten.
Das in drei zeitlich fixierten Schritten zu übergebende Gebiet wird künftig durch Azerbaidjan verwaltet.
2.000 schwer bewaffnete russische „Schiedsrichter“ kontrollieren künftig die wichtigen Schnittstellen und Verbindungen zwischen Armenien und Berg-Karabach, aber auch zwischen der Türkei und Azerbaidjan für die nächsten 5 Jahre mit der Option auf Verlängerung.

Sollte dies wirklich so eintreffen, dann wäre Erdogan nach Armenien der zweite Verlierer dieses Konfliktes und sein Einsatz wäre umsonst gewesen!
Aber vielleicht gibt es für Erdogan ja auch einen „sehr gut versteckten Nutzen“ dieses Waffenstillstandes von Putins Gnaden? Dann wird er dies seinen Türken gewiss zeitnah mitteilen?

Der französische Präsident Emmanuel Macron hätte sich nach dem Libanon nun auch in Armenien bisher vergeblich bemüht…

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https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-russia-armenia-azerbaijan-nagorno-karabakh-deal.html

4 Responses to Hat Putin Erdogan abgezockt?

  1. almabu sagt:

    Sowohl die EU als auch Frankreich wollen nach dem Waffenstillstand zwischen Azerbaidjan und Armenien für abschließende Verhandlungen (worüber?) wieder ins Spiel kommen. Dazu drohten sie der Türkei Sanktionen an, sollte diese ihr kriegerisches Verhalten nicht beenden. Auf einem EU-Gipfel im Dezember soll das Thema beraten werden.

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    https://en.armradio.am/2020/11/10/france-threatens-tough-eu-sanctions-against-turkey-if-the-terms-of-ceasefire-in-karabakh-are-violated/

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  2. almabu sagt:

    US-Kongressabgeordnete kritisierten die US-Regierung für ihr Nichtstun gegen die kriegerischen Maßnahmen Azerbaidjans und der Türkei in diesem Konflikt und verlangen Maßnahmen:

    „…As we study the agreement announced yesterday, we will redouble our efforts to support Armenia and Artsakh against Azerbaijan and Turkey’s outrageous hostility and to hold all those who committed atrocities against civilians in recent weeks accountable. The United States must not continue to passively ignore the threat Turkey poses to the stability of the Eastern Mediterranean, the Middle East, and the Caucuses…”

    https://en.armradio.am/2020/11/11/armenian-caucus-co-chairs-disappointed-by-us-failure-to-play-productive-role-in-the-karabakh-conflict/

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  3. almabu sagt:

    Ein Landzugang von der Türkei nach Azerbaidjan würde nach diesem Waffenstillstandsabkommen unter russische Kontrolle geraten und so die Türkei von Azerbaidjan, dem Kaspischen Meer und Zentralasien trennen. Russland und der Iran könnten damit wohl leben?

    „…Moreover, the planned corridor from Nakhchivan, which shares a tiny border with Turkey, to the Azeri mainland will be under Russian control as well, dampening Ankara’s hopes of using the route as a gateway to boost its influence in Azerbaijan and Central Asia…“
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    Read more: https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-russia-armenia-azerbaijan-nagorno-karabakh-deal.html#ixzz6dTb3rUrf

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  4. almabu sagt:

    Dieser Krieg war ein sehr ungleicher Kampf. Ganz unabhängig von türkisch/israelisch/libyscher/russischer Unterstützung und der territorialen Ausgangssituation einer „Insellage“ von Berg-Karabach innerhalb Azerbaidjans hatte Azerbaidjan auch mit $1,8 Milliarden gegenüber $1,2 Milliarden Armeniens einen um 50% größeren Verteidigungsetat und eine mit 60.000 Soldaten gegenüber 45.000 Soldaten eine um 33% oder um ein Drittel Kopf-stärkere Armee!

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