Madrid soll Katalonien Unabhängigkeit schenken, aber schmerzfrei bitte!

Entsolidarisierung von Gruppen und Individuen der Gesellschaft. Zerbröseln die EU, die Nationalstaaten, die Solidargemeinschaften und die Familien?

In der Schweiz gab es am letzten Wochenende eine Volksabstimmung in der die Meinung der Schweizer zu dem Vorschlag gefragt wurde, die derzeit 61 privaten Krankenversicherungen zu Gunsten einer einzigen staatlichen, gesetzlichen Krankenversicherung abzuschaffen. Der Vorschlag wurde abgelehnt!

Jeder einzelne befürchtete offenbar mit seinen Beiträgen Andere alimentieren zu müssen? Dies ist ein interessantes und ebenso verhängnisvolles Phänomen: Die Entsolidarisierung von Gesellschaften, Gruppen und Individuen.

Versicherungsbetrug ist Volkssport! Jeder versucht mehr heraus zu bekommen, als er eingezahlt hat! Ein verhängnisvoller Sport, bei dem es mathematisch nur zu Beitragserhöhungen kommen kann, bei denen alle Versicherten verlieren, während der Umsatz der Versicherung steigt! Betrogen wird dabei nicht die Versicherung, sondern die Mitversicherten, die Versicherungsnehmer, die Nachbarn, Freunde und Bekannten. Der Versicherung ist’s egal. Sie macht mehr Umsatz!

Die Katalanen wurden jahrelang mit dem Slogan „Spanien beraubt uns“ heiss gemacht, dabei war es der Clan des Ex-Präsidenten und rund hundert andere Familien, die die Autonomie aussaug(t)en, wie die Vampire. Diese Familien haben sogar den inoffiziellen Namen „Oasis“, die Oase, weil es dort Wohlstand, Labsal und Entspannung von den Mühen des Alltagslebens gibt. Man bereichert sich, heiratet untereinander, bringt sich gegenseitig in regelrechten Seilschaften in die richtigen Positionen und saugt das Land aus, während man laut schreit „Spanien beraubt uns!“

Dieser Jordi Pujol i Soley ist übrigens während seiner „Regentschaft“ keinesfalls als Separatist hervorgetreten, sondern hat für die jeweiligen in Madrid regierenden Großparteien PSOE und PP als Mehrheitsbeschaffer fungiert und sich dies gut honorieren lassen. Er war(ist?) in Madrid hervorragend vernetzt und hat auch erhebliche „Geschäfte“ in oder aus Madrid abgewickelt. Die unglaublichen, “Regierungsnahen” Geschäfte seiner Familie über lange Zeiträume hinweg konnten nicht ohne die Tolerierung durch Madrid erfolgen. Wie es scheint, ist jetzt auch der direkte geschäftliche Kontakt mit Artur Mas in einer gemeinsamen Firma gerichtsfest belegbar?

Eine seiner ersten Maßnahmen nach Bekanntwerden der unversteuerten Schwarzgeldmillionen in Andorra war es, seine eigene Stiftung, die im Nachhinein sein politisches Leben und Wirken zum Vordenker und Vorkämpfer eines katalanischen Staates umschreiben sollte, sang und klanglos zu schließen!

Das katalanische Bündnis CiU entspräche, in deutschen politischen Farben ausgedrückt, einer Gelb-Schwarzen-Regierung, mit Pujols Convergencia als dem größeren, liberalen Partner und der kleineren christlichen Unió des Josep Antoni Duran i Lleida. Artur Mas wurde als einer der engsten Mitarbeiter und aus einer mit den Pujols bekannten Familie als Nachfolger ausgewählt und aufgebaut. Pujol wollte und konnte damit gewährleisten, dass alles so weiterläuft zum Wohle der Beteiligten. Vielleicht stimmen die Gerüchte, die Artur Mas lediglich als Statthalter sahen, bis Pujols Sohn Oriol Pujol Ferrusola, der als Einziger seiner sieben Kinder in die Politik ging und im nahen Umfeld seines noch regierenden Vaters seine Karriere in Generalitat und CiU begann (und sich dabei gründlich bereichert haben soll, weswegen in mehreren Verfahren gegen ihn ermittelt wird und er inzwischen alle politischen Ämter und seinen Parlamentssitz niederlegen musste) seinem Vater als President de la Generalitat d’Catalunya im Amte nachfolgen und die Dynastie der Pujols (der Hügel) fortführen sollte?

Auch Mas ist erst spät auf den Zug der Sezessionisten aufgesprungen, als er eine Chance darin zu erkennen glaubte, sich an die Spitze der Unzufriedenen, der Bewegung der Straße setzen zu können und diese für “seine” CiU einzufangen. Jetzt gingen die Menschen nicht mehr gegen neoliberale soziale Kürzungen des Artur Mas und der CiU auf die Straße sondern gegen Madrid und für die Unabhängigkeit!

Das ist das Stierkampfprinzip: Der Stier erkennt seinen wahren Gegner in den meisten Fällen frühestens im Moment seines Todes. Vorher bekämpft er das Rote Tuch…

Wenn die spanische Regierung vor ein paar Jahren dem katalanischen Drang nach mehr Geld nachgegeben hätte, dann würden wir übrigens heute keine Unabhängigkeitsdiskussion führen! Es besteht übrigens noch immer die, wenn auch nur kleine, Chance einer finanziellen Einigung. Das Problem besteht darin, dass die Menschen emotional hochgeputscht wurden und noch immer werden und nur sehr schwer wieder vom “Baum der Hoffnung” herunterkommen können.

Es werden von verantwortungslosen Politikern völlig irrationale Hoffnungen zum Thema „Independència“ geschürt und alle Anflüge von Realität konsequent ausgeblendet. Die Katalanen sind dabei, diesmal wirklich zu Opfern zu werden und wieder werden sie nicht zu Opfern Madrids, sondern zu Opfern ihrer eigenen verkommenen politischen Klasse.

Ehrlicher wäre es, Ihnen brutal offen zu sagen:

Wollt ihr die Unabhängigkeit? Okay, dann könnte es euch im schlimmsten Fall passieren,
– dass ihr aus der EU, der NATO und der UN fliegt,
– dass ihr mit Spanien euren Hauptabsatzmarkt verliert,
– dass Banken aus Refinanzierungsgründen aus Katalonien abziehen,
– dass multinationale Firmen aus Steuergründen abziehen,
– dass es zu Verlusten an Arbeitsplätzen, Kaufkraft, Steuern kommt,
– dass der Hafen von Barcelona Hinterland und Bedeutung verliert,
– dass ihr Euch eine eigene Währung schaffen müsst,
– dass ihr 150* Milliarden Euro Anteil der Gesamtverschuldung tragt,
– dass Eure Renten nicht gesichert sind,
– dass Frankreich an Eurer Nordgrenze mißtrauisch und feindselig ist, wegen Eures Nationalkatalanismus, der an Grenzen nicht halt macht.

Schließlich und endlich sollte man ihnen noch sagen, dass sie Feiglinge und Weicheier wären, wenn sie verlangen, dass Spanien seine Verfassung bricht oder verformt, nur weil sie nicht den Mut hätten den Bruch illegal zu vollziehen (was Ihnen Oriol Junqueras von der ERC nur mit anderen Worten erklärt!).

5 Responses to Madrid soll Katalonien Unabhängigkeit schenken, aber schmerzfrei bitte!

  1. almabu sagt:

    *KORREKTUR des vorangegangenen Beitrages:
    Ich war zu vorsichtig, bei der Beschreibung der Lage und der Höhe der Schulden Kataloniens. Gerade heute hat ABC detaillierte Zahlen dazu veröffentlicht, die ich hiermit nachreichen will.

    “…Este asunto fue objeto de debate hace pocos meses en el Colegio de Economistas de Cataluña, donde el exdirector de la Bolsa de Barcelona, José Luis Oller, recordó que a los 60.000 millones de deuda propia el nuevo Estado debería cargar también con unos 180.000 millones de la del Estado (en proporción al peso de la economía catalana en el PIB de España), además de otros 50.000 millones por el pago de los bienes «españoles» en Cataluña. En conjunto, 290.000 millones de deuda, el 145% de su PIB, un volumen insostenible…(ABC)

    Dieser Fall wurde vor wenigen Monaten im Kollegium der Ökonomisten Kataloniens(!) betrachtet, wo der Ex-Direktor der Börse von Barcelona, José Luis Oller daran erinnerte, dass zu den 60 Milliarden “eigenen” Schulden eine proportional zum BIP anteilige Übernahme von 180 Milliarden spanischer Staatsschulden, zusätzlich 50 Milliarden für spanische Vermögenswerte in Katalonien kämen. Zusammen 290 Milliarden € Startschulden, 145% der aktuellen katalanischen BIP, (das allerdings nach der Unabhängigkeit fallen dürfte) eine untragbare Schuldenlast.

    Ich haben also in meinem Beitrag die katalanische Startsverschuldung nur etwa in halber Höhe ausgedrückt!

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  2. almabu sagt:

    Katalonien könnte schon jetzt seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, wenn der „böse spanische Staat“ nicht immer wieder einspringen würde!

    Wie ist man nur in diese unangenehme Lage gekommen? „Spanien beraubt uns?“ Der Präsident der spanischen Unternehmervereinigung CEOE und Katalane(!) Juan Rosell hat eine andere Sicht der Dinge: „Eine katastrophale Amtsführung der katalanischen Autonomieregierung!“

    Schulden CAT 2006: 14,8 Milliarden €, 08% des BIP.
    Schulden CAT 2010: 34,6 Milliarden €, 17% des BIP.
    Schulden CAT 2013: 60,0 Milliarden €, 30% des BIP.*

    Darin sind sicher auch enthalten die Kosten der staatsähnlichen Parallelstrukturen, die man sich konsequent leistet, wie Botschaften, mehrerer TV- und Radio-Programme, etc.

    Die eigene Beratung der Generalitat stellte klar, dass nur das Geschäft mit dem „ach so verhassten“ Spanien verhindere, dass die Autonomie in die roten Zahlen rutsche, da der positive Saldo des Spanien-Geschäftes den negativen Saldo des Auslandsgeschäftes übersteige und somit ausgleiche. Die Autonomie lebt konstant über ihre Verhältnisse…

    –––––
    *Die Verdoppelung der Schulden auf 60 Milliarden erfolgte unter der Regierung von Artur Mas und der CiU. Das müssen die sich ganz persönlich anschreiben lassen!

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  3. almabu sagt:

    MADRID:
    PP-Rajoy faselt von der wirtschaftlichen Erholung Spaniens, die Arbeitslosigkeit stieg im September um 19.720 Personen an, auf jetzt 4.447.650 Personen. Das ist der der schlechteste September-Wert seit 2007 vor Beginn der aktuellen Krise in Spanien. Nein, NICHTS ist besser geworden, Rajoy!

    KATALONIEN:
    Die US-Investitionsbank MORGAN STANLEY sieht in einem Fiskal-Pakt, einem Abkommen über die Einnahme und Verteilung der Steuern, zwischen Spanien und Katalonien eine mögliche Lösung der Krise.

    (Das sehe ich zwar grundsätzlich auch so, glaube aber, dass es einen „Point Of No Return“ gibt, bei dessen Überschreiten eine solche Lösung nicht mehr möglich erscheint? Die Frage ist, ob dieser Punkt bereits erreicht ist, oder nicht?)

    In einem internen Papier der Bank mit dem Titel „Katalanische Unabhängigkeit. Was, wenn, Szenarien“ geht der Europa-Analyst der Bank, Daniele Antonucci, davon aus, das Spaniens Wirtschaftsdaten sich verschlechtern, die Kataloniens sich hingegen um bis zu 4% verbessern würden. (Hier müsste man ein wenig mehr über die Szenarien wissen, die dieser Annahme zu Grunde gelegt worden sind?)

    Prognosen:
    Bei den Wahrscheinlichkeiten sieht er eine 5% Chance auf eine einseitige Unabhängigkeitserklärung, 15% auf eine mit Spanien ausverhandelte Trennung, 50% für einen Fiskal-Pakt und immerhin 30%(!) für keine Vereinbarung und Statusveränderung zwischen den beiden Parteien! Er gibt als beiden Unabhängigkeitsvarianten zusammen nur 20% Wahrscheinlichkeit, einem Deal über das Geld 50% und dem „weiter so“ immerhin 30%. (Scheint ein Realist zu sein, der Herr Antonucci?)

    Ansonsten sieht er ebenfalls die Großbanken aus Barcelona abziehen und nach Madrid wechseln, ebenso große spanische Firmen mit Sitz in Katalonien. (Wieso dabei bei gleichzeitigem Wegbrechen des spanischen Marktes, des Hauptmarktes der katalanischen Wirtschaft, trotzdem ein Plus für Katalonien herauskommen soll, das bleibt sein Geheimnis?)

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  4. almabu sagt:

    Es liegt leider in der Natur der Protagonisten, dass beide Seiten Recht und Gesetz nur eingeschränkt akzeptieren, nämlich dann, wenn es der eigenen Interessenlage entspricht. Die Separatisten haben ja gerade eine “Selbstermächtigung” vorgeführt, die sie sofort nach ihrer eventuellen Regierungsübernahme in einem unabhängigen Katalonien natürlich kein zweites Mal akzeptieren würden.

    Die Regierung in Madrid hingegen versucht ein im Kern politisches Problem juristisch auszusitzen, weil sie natürlich weiss, dass die Autonomien zu keinem Zeitpunkt wirklich autonom waren, sondern Madrid klar hierarchisch unterstellt sind.

    Madrid kann rein juristisch einer Autonomie bis in die mittlere Verwaltungsebene hinab direkt “hinein regieren”, Gesetze und Verordnungen aussetzen, Beamte, Funktionäre und AUCH den Präsidenten der Autonomie absetzen, vor Gericht stellen, oder gar die ganze Autonomie aufheben und der Delegation der Regierung unterstellen, die es als Parallel- und Kontrollstruktur in jeder Autonomie zusätzlich gibt!

    Eine andere Frage ist, ob eine solche Beschränkung auf den juristischen Aspekt klug und im Sinne einer Lösung des Problems zielführend wäre?

    Der Fiskal-Pakt, die steuerliche Lösung, “das Geschäft”, war ursprünglich eine Forderung der Katalanen und hat sich erst im Laufe der schwelenden Auseinandersetzung aus einer Mischung von Beleidigung, Wut, Zorn und Kalkül zur Maximalforderung der Unabhängigkeit entwickelt. Man muss beachten, dass Artur Mas bis heute die Legalität seies Agierens beteuert und Gesprächs-bereitschaft signalisiert, wohl genau wissend, das das TC seiner “consulta” genau diese Legalität absprechen wird! Dann wäre er fein raus, könnte seinen Katalanen sagen “Seht her, ich habe alles versucht, es ging halt nicht! Lasst uns dann wenigstens finanziell das Beste für uns rausholen!”

    Die Radikaleren von der ERC, ANC und OC wollen ihm diesen Weg abschneiden und fordern die Straße zu zivilem Ungehorsam auf. Basisdemokratie ist für den neoliberalen Mas ein Gräuel!

    Lange Rede, kurzer Sinn: Die Zeit für ein “Geschäft” lauft bei den Heissblütern beider Seiten so langsam ab. Dann wird Mas, die Geister, die er rief, nicht mehr los…

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  5. almabu sagt:

    Es grummelt hinter den Kulissen der Separatisten. Risse, womöglich Soll-Bruchstellen(?) gibt es im regierenden Bündnis CiU, in dem die Unió die Trennung von Spanien nicht will! Spannungen gibt es auch zwischen CiU als Regierung und der ERC als diese “duldende Opposition”. Mas könnte sich alternativ zur verbotenen “consulta” zu Neuwahlen entschliessen? ERC tut so, als wolle sie keine Neuwahlen sondern ausschließlich nur die “consulta”, dabei wäre die ERC der wahrscheinliche Gewinner dieser Neuwahlen und CiU der sichere Verlierer.
    Wenn man Umfragen glaubt, dann würde der Politiker Artur Mas die CiU von 64 über 50 zu dann voraussichtlich 30 Sitzen im katalanischen Parlament so langsam zu Tode siegen? Auch die letzten Wahlen waren vorgezogene Neuwahlen, denn anstatt zu regieren zieht Mas den permanenten populistischen Wahlkampf vor, seine “Stierkampf-Taktik” eben…

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