Immer weniger Ärzte sprechen Deutsch. Müssen Patienten Fremdsprachen lernen?

Bei uns herrscht Ärztemangel. Im Kapitalismus regelt sich bekanntlich alles durch Angebot und Nachfrage. Immer mehr Ärzte aus Ost- und Südeuropa folgen dem Ruf des Geldes und kommen nach Deutschland. Hier sind sie hoch willkommen. Aber vor den Beginn ihres segensreichen Tuns hat der Gesetzgeber ein Anerkennungsverfahren gesetzt, der neben ihren beruflichen Qualifikationen auch ihre Kenntnisse der Deutschen Sprache prüft. Bestehen die Migrationsärzte diesen Test, dann kann’s losgehen: „Du nix gut, wo aua?“

Eigentlich müsste also alles seinen geregelten Gang gehen? Aber trotzdem berichten immer mehr Patienten von Kommunikationsproblemen mit ihrem Doc. Ist der genormte Deutschtest also nur eine formelle Farce, die man auf dem Schwarzmarkt kaufen kann? Drückt man ein Auge zu, weil man die Mediziner braucht?

Die „Patientenlobby“ schlägt selbstlos Alarm. Sie hat sich in regionalen Ärztekammern organisiert. Der Berliner Jonitz kritisiert die mangelnde Sprachkompetenz der neuen Weisskittel. Der Westfalen-Lipper Windhorst nimmt den Ball auf und fordert drei Punkte:  Kurzfristig die Beteiligung der Ärztekammern an den Prüfungen, mittelfristig deren Übernahme der gesamten Zulassung von den Bezirksregierungen und damit das Recht einer Standesorganisation ihren Nachwuchs selbst, nach eigenen Erfordernissen, zuzulassen. Die Zünfte des Mittelalters lassen grüssen!

Eile täte Not, so heisst es: In Teilen des platten Landes in OWL gäbe es Kliniken, in denen bereits ganze Abteilungen ohne deutschstämmige Assistenzärzte auskommen müssten. In ganz Westfalen-Lippe seien in 2011 und bis ins erste Halbjahr 2012 hinein, stammten schon 46 Prozent der  neu eingestellten Assistenzärzte aus dem Ausland. Oh Gott, oh Gott, wie kommt es nur so ganz aus heiterem Himmel zu solchen Zuständen? Hat Frau Merkel, bzw. ihre Politik gar am Rande damit zu tun?

Ärzteverbände wollen diesen Test künftig selbst durchführen. Ob damit die Ausdruckfähigkeit der Probanden in der deutschen Sprache besser würde, darf getrost bezweifelt werden. Aber die Selektion der Ärzte würde künftig genauer auf den selbstdefinierten Bedarf der Ärzteschaft zugeschnitten werden können. Hier werden vermutlich medizinische Fähigkeiten und Fertigkeiten im Vordergrund stehen.

In einem weiteren Schritt könnten die Ärzteverbände dann vor Behandlungsbeginn die Fremdsprachenkapazität und -qualität der Patienten testen? Wer Englisch spricht oder Spanisch ist klar im Vorteil, wer aber Polnisch, Tschechisch oder Ukrainisch beherrscht bekommt schneller einen Untersuchungstermin?

Die Wartezeit können die Patienten ja künftig bei der VHS im Patienten-Crash-Sprachkurs „Polnisch in hundert Tagen“ verbringen und so büffelnd ihren Platz im Termin-Ranking verbessern?

Man muss das Ganze grundsätzlich positiv sehen:
Wer sich zwecks Arztbesuchs mit Osteuropäischen Sprachen beschäftigt hat, der kommt später bei der Endlösung der Pflegepatienten-Frage in Osteuropa –zumindest verbal – einfach besser klar!

Man könnte aber auch das Problem an der Wurzel packen:
Die Eingangshürde für das Medizinstudium, den Numerus Clausus, senken. Das Studium verkürzen. Spötter fordern sogar eine Männerquote! Angehende Ärzte zu fünf Jahren „Krankenhausdienst“ in Deutschland verpflichten, mit der Möglichkeit sich durch Bezahlung des Studiums davon freizukaufen

PS: Spanier, die sich im katalonischen Teil Spaniens nicht auf Spanisch mit ihren Ärzten verständigen können, kennen das Kommunikations-Problem. Sie müssen zu ihren letzten Kenntnissen in Englisch oder Französisch greifen, so ihr ganzes intellektuelles Puver verschiessend, bevor ihr Gegenüber im weissen Kittel zu erkennen geben darf, dass er sie eigentlich wunderbar verstehen könnte, wenn er es denn dürfte…

2 Responses to Immer weniger Ärzte sprechen Deutsch. Müssen Patienten Fremdsprachen lernen?

  1. Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin sagt:

    Aus eigener und der Erfahrung meiner Frau wissen wir, wie gut aber auch wie beschissen das Studium der Medizin sein kann. Ich habe es deshalb nicht zu Ende studiert. Mir geht es als nur cand. med. gut dabei.
    Das ganze Ausbildungssystem ist bis auf löbliche Ausnahmen erneuerungsbedürftig. Und ich meine dabei nicht nur das medizinische.
    Ballast muß runter, Fortschritt muß rein. Und die Arroganz muß raus.
    Qualität ist gefragt !
    Mediziner ist ein Beruf wie jeder andere, allerdings auf einem hohem Niveau, was auch bezahlt werden muß.
    Wir sollten zum Beispiel mal das kubanische Modell studieren.
    Bekanntlicherweise verleihen die ja sogar Ärzte an die anderen spanisch sprechenden Bruderländer.
    Dann bräuchten wir auch keine Ärzte mehr aus den uns im Süden umgebenden Ländern und unsere Patienten müßten keine Fremdsprachen erlernen.
    Daß dabei die Gesundheitsversorgung in diesen Ländern „vor den Arsch geht“ interessiert hier keinen.

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    • almabu sagt:

      Fachlich kann ich diese Problematik nicht bewerten! Dass allerdings die Ständeorganisation einer Berufsgruppe die Qualifikation und damit die Zulassung ihres Nachwuchses selbst kontrolliert, das erscheint mir wie mittelalterliches Zünfte-Wesen und außerdem als höchst verlockend für Kumpanei, „Spezi“-tum, Korruption, Missbrauch halt, im weitesten Sinne.

      Was den staatlich organisierten kubanischen Ärzteexport betrifft, nach Afrika und Latein-Amerika, das hat schon etwas von „Leiharbeiter“, wenn auch für einen guten Zweck. Die haben da in den Ländern viel Gutes getan! Die ärztliche Versorgung auf Kuba soll ja trotzdem vergleichsweise gut gewesen sein? Um für Kuba schadlos zu funktionieren, müssten die Kubaner einen Ärzteüberschuss produziert haben, eine Art politisch-humanitäre Exportware

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