Spanien: Haben die Katalanen den richtigen Zeitpunkt verschlafen?

Der Auslöser der aktuellen Unabhängigkeitsbestrebungen Barcelonas mag die aktuelle Krise gewesen sein, als latente politische Unterströmung war sie aber zumindest seit der Rückkehr Spaniens zur Demokratie vorhanden.

Jetzt, wo der finanzielle Druck der Krise die Politik auf den Prüfstand stellt und sie einer Zerreissprobe unterzieht, zeigen sich zwar die zu erwartenden historischen Risse und Bruchstellen, gleichzeitig aber fehlen die finanziellen Mittel einer katalanischen Unabhängigkeit eine echte Chance zu geben.

Aus der angelsächsischen Ferne Londons oder gar New Yorks wohlwollend publizistisch betrachtet, ist sie ohnehin eher ein Detail auf dem Weg den Euro und so das Projekt Europäische Union zu beerdigen. „Hilfe“ aus dieser Richtung können die Katalanen – wenn überhaupt – nur zu diesem Zweck erwarten.

Die EU selbst kann kein Interesse daran haben, dass die sie bildenden, ohnehin gefährdeten, Nationalstaaten unter den Händen der Rettungsteams in der Notaufnahme zerbröseln.

Katalonien ist also letztlich bei seinem Sezessionsbegehren zur falschen Zeit auf sich alleine gestellt. Wie stehen unter diesen Umständen seine Chancen? Ist eine Unabhängigkeit finanzierbar? Es sieht nicht gut aus…

EL PAÍS hat sich Gedanken über diesen finanziellen Aspekt gemacht der, dem beliebten Klischee zufolge, den Katalanen doch immer so sehr am Herzen liegt:

Zusammengefasst: Für Spanien wäre eine Abtrennung Kataloniens ein Albtraum. Katalonien jedoch käme schwerlich an der Zahlungsunfähigkeit, der Pleite vorbei!

Der Rückfluss der nach Meinung der Generalitat d’Catalunya zuviel gezahlten Steuern aus Madrid, den sie selbst mit 16,4 Milliarden Euro pro Jahr oder 8 Prozent des katalanischen Brutto-Inlandproduktes, PIB bezeichnet, deckt nicht die Kosten des Bruches mit Spanien.

Der neue Staat Katalonien würde mit einer Verschuldung geboren, die ein drei- bis vierfaches der heutigen Schuldenlast betrüge! Schon heute ist es die am höchsten verschuldete Comunidad (natürlich Autonomie!) Spaniens mit 42 Milliarden Euro oder 21 Prozent seines PIB. Dazu kommen weitere 6 Milliarden Schulden (+3% PIB) von öffentlichen Unternehmen die der Autonomie gehören. Dazu käme der Katalonien entsprechende Anteil an den Gesamtschulden des spanischen Staates. Je nachdem, ob man bei deren Berechnung den PIB- oder den Bevölkerungsanteil (18, bzw. 16 %) zu Grunde legt, wären das bei einer spanischen Gesamtschuld von 617,7 Milliarden weitere 99 bis 111 Milliarden Euro!

Der Albtraum wäre damit aber noch nicht zu Ende: Die Verschuldung der katalanischen Rathäuser, der Städte und Gemeinden beträgt weitere 5 Milliarden Euro.

Dazu käme der katalanische Anteil an der Verschuldung staatlicher Firmen Spaniens, wie zum Beispiel der Eisenbahn, RENFE oder des Flughafen und Luftverkehrsbetreibers AENA. Diese werden weitere 6 Milliarden betragen.  Dazu die gerade in Madrid beantragten 5 Milliarden Euro. Oben drauf kämen eventuelle, weitere Kosten der Bankenrettung.

Diese Zahlen addieren sich schon heute auf rund 170 Milliarden Euro Gesamtverschuldung bei einem Bruttoinlandsprodukt von 200 Milliarden Euro, oder rund  85 Prozent des katalanischen PIB.

Bei der schwindenden Halbwertszeit der offiziell eingeräumten Schuldenbeträge muss befürchtet werden, dass dann noch immer nicht alle Schulden auf dem Tisch lägen und noch so manche weitere finanzielle Zeitbombe irgendwo tickte!

Nur in diesem Jahr musste Katalonien 13,4 Milliarden Schulden umfinanzieren, die Zinsen betrugen 2 Milliarden Euro.

Der neue Staat Katalonien müsste praktisch sofort die Zahlungsunfähigkeit erklären und die internationale Gemeinschaft um Rettung anrufen, dann allerdings außerhalb des Rahmens der EU, was die Dinge bestimmt nicht einfacher machen würde!

Einige Wirtschaftler meinen zwar, Katalonien könne seine Schulden mit Spanien gegen die jahrelang geleisteten Überzahlungen verrechnen, die meisten denken das allerdings nicht.

Dazu käme mit großer Sicherheit ein Einbruch auf der Einnahmenseite: Das Weggbrechen des profitablen nationalen spanischen Marktes, sei es durch Zollschranken oder Boykotte. Die Erschwerung der Exporte Kataloniens in die EU als eines Nicht-EU-Mitgliedes wäre ebenso zu berücksichtigen wie die Abwanderung von Unternehmen, denen ein solcher Staat Katalonien die Geschäftsgrundlage entziehen würde.

Am Ende sieht es so aus, als habe der finanzielle Druck  die Idee einer katalanischen Unabhängigkeit erst auf die politische Tagesordnung gebracht, als es in der Realität dafür bereits zu spät war. Was für ein Drama…

http://politica.elpais.com/politica/2012/09/29/actualidad/1348948380_409423.html

3 Responses to Spanien: Haben die Katalanen den richtigen Zeitpunkt verschlafen?

  1. almabu sagt:

    Nicht enthalten sind Kosten der Umwelt, des Schutzes des Mittelmeeres, des Ebro-Deltas, der Pyrenäen, Folgekosten von Kernkraftwerken wie Vandellòs, etc.

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  2. almabu sagt:

    Ein anderer ungeklärter Punkt wäre die Bevölkerungs- und Altersstruktur des neuen Staates. Katalonien hat einen hohen Anteil an niedrig qualifizierten Migranten aber eine etwas niedrigere Arbeitlosigkeit als der Durchschnitt Spaniens. Diese Migranten würden sicher unterdurchschnittliche Beiträge in die Sozialversicherungs- und Rentensysteme einzahlen. Deren mittel- und langfristige Überlebensfähigkeit ist ein weiterer existentiell wichtiger Punkt eines Staates.

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  3. almabu sagt:

    Die Einkünfte durch Verbrauchersteuern, wie z.B. die IVA, die spanische Mehrwertsteuer, würden drastisch sinken, da Lieferungen und Fakturierungen nach Spanien, wie Exporte ins Ausland, in die EU, Mehrwertsteuerfrei wären.

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