Die nüchterne Kehrseite des katalanischen Unabhängigkeitsrausches.

Rollladen-Statement!

Der Wunsch nach Anerkennung als Volk, als Nation, der zur Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien führen soll ist verständlich, aber ist er auch klug?

Der ewige Jordi Pujol, der zu seinen aktiven Zeiten als President de la Generalitat d’Catalunya geradezu ein Garant des spanischen Einheitsstaates war und der mehrere Regierungen in Madrid aktiv toleriert hat, wusste damals was er tat und wie weit er gehen konnte. Weiss der 82-jährige das heute auch noch?

In den Zeiten der Demokratie hat Katalonien als Autonomie emsig Doppelstrukturen zum spanischen Staat geschaffen, die heute auch in Krisenzeiten finanziert werden müssen. Dazu braucht und fordert Barcelona mehr Geld von Madrid. Der PP-Zentralist Rajoy hingegen will die Zeit zurückdrehen und die Autonomie am liebsten abschaffen.
Wenn Mas am 20. September nach Madrid fährt, müssen zwei Männer einen Ausweg, einen Kompromiss suchen, der sehr schwer zu finden sein wird. Zuviel Hoffnungen wurden geweckt, die Fronten sind verhärtet.

Die Madrider Tageszeitung ABC hat einmal aufgelistet, was beim katalanischen Feiertag, der Diada nicht erwähnt, den 1,5 Millionen Demonstranten nicht erklärt wurde:

Die am meisten gesprochene Sprache in Katalonien ist… Castellano, nicht Catalá!
Castellano ist ausserdem auch offizielle Landessprache Kataloniens, trotzdem wurden die Ansprachen und Feiern anlässlich der Diada nicht übersetzt, die kastilisch sprechenden Katalanen also diskriminiert.

Wie die Dinge und die Rechtslage in der EU momentan liegen, würde ein Austritt Kataloniens aus dem spanischen Staat automatisch den Ausschluss aus der EU bedeuten. Es gibt bisher keinen Präzedenzfall und eine Unabhängigkeit würde den neuen Staat Katalonien mit EU-Aussengrenzen und Steuerschranken umgeben.

Die Autonomie Katalonien „pfeifft finanziell auf dem letzten Loch“! Die Generalitat benötigte kurzfristig über 10 Milliarden Euro nur um die laufenden Verpflichtungen erfüllen zu können.

Die Katalanische Sparkasse „CatalunyaCaixa“ brauchte 4,5 Milliarden vom spanischen Banken Restrukturierungsfond FROB um zu überleben.

Die katalanische Banc Sabadell brauchte wegen fauler Kredite der Immobilien-Blase ebenfalls 7,9 Milliarden von Madrid.

Katalonien braucht von Madrid weitere 2 Milliarden zum Ausgleich des Fehlbetrags der katalanischen Sozialversicherung.

Katalonien hat soziale Kürzungen bei Staatsbediensteten bei Gehältern und Weihnachtsgeld durchgeführt. Auch der Gesundheits- und Bildungsbereich sind von Kürzungen betroffen. Nicht gekürzt wurde bei Identitätsstiftenden Kosten des Pankatalanismus, beim Luxus katalanischer Botschaften im Ausland und bei den sechs (6!) autonomen TV-Sendern Kataloniens.

Katalonien kann sich praktisch nicht mehr am Finanzmarkt finanzieren. Wegen des Ausfallrisikos der Kredite liegt die Risikoprämie der Autonomie um 600 Punkte über der Spanischen und gar um 1.100 Punkten über der Deutschen.

57 Prozent der katalanischen „Ausfuhren“ gehen nach Spanien und nur hier erwirtschaften die Katalanen einen Überschuss von 22,6 Milliarden Euro. Beim Handel mit dem Rest der Welt erzielten die Katalanen hingegen ein Minus von 15,3 Milliarden Euro in 2011.

Große katalanische Monopolisten verdanken ihre weltweite Bedeutung den Gewinnen, die sie im Rest Spaniens erwirtschaften.

Ich bin mir ganz sicher, dass die handelnden Akteure in Barcelona, obwohl von der Krise und der Straße getrieben, diese Zahlen und Abhängigkeiten sehr gut kennen.

Vielleicht lassen sich die Katalanen ja mit einer dem Baskenland vergleichbaren Steuerhoheit noch einmal besänftigen den äussersten Schritt des Bruchs nicht zu tun?

http://www.abc.es/20120912/espana/abci-dijo-durante-diada-201209120838.html

4 Responses to Die nüchterne Kehrseite des katalanischen Unabhängigkeitsrausches.

  1. uhupardo sagt:

    Sehr guter Artikel, muchas gracias!

    Es ist ja noch mehr, denn jetzt wird es wirklich amüsant! Mas und die 400 Famielien, die in Katalonien seit immer das Sagen haben, benutzten bisherdie Unabhängigkeitsdrohung, um aus Madrid so viele Vorteile wie möglich zu saugen. Über Jahrzehnte.

    Mas hat das jetzt wieder versucht. Entweder Fiskalpakt oder *schuhuuu* Unabhängkeitsbestrebungen. Alles wie immer.

    NUr ist im diesmal der Gaul durchgegangen, den er jetzt nicht mehr beherrscht, denn genau das hat diese Millionendemo bewirkt.

    Und JETZT sind es Mas und die erwähnten 400, die genau das Gegenteil tun von dem, was sie seit Jahrzehnten tun: Jetzt bremsen sie! Denn sie wollten doch nur ihr Erpressungmittel, aber wahrlich keine Unabhängikeit, weil sie die Konsequenzen genau kennen.

    Es kann aber sein, dass sie ihr Spielchen mit dem Feuer schon überzogen haben.

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  2. Sepp Aigner sagt:

    Ein informativer Beitrag und ein guter Kommentar. Die soziale Misere mit der „nationalen Frage“ zu überdecken liegt natürlich nahe. Es könnte nicht nur Mas, sondern auch Rajoy durchaus recht sein, den Nationalismus – den zentralstaatlichen gegen den regionalen – zu einem Hauptthema zu machen,der von der Leere im Geldbeutel ein wenig ablenkt. Das wird zu nichts führen, aber die Leute sind beschäftigt. Ich hoffe, dass eine andere „Diada“ – die von morgen in Madrid – kräftig genug ausfällt, damit ein solches Ablenkungsmanüver nicht gelingt.

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  3. almabu sagt:

    Ein Ratschlag des spanischen Justizministers Ruiz-Gallardon an Artur Mas:

    „…El titular de Justicia, además, lanzó un aviso a Mas para que sepa gestionar la manifestación independentista de la Diada:

    „En política lo más peligroso que le puede pasar a un dirigente es que otros le hagan la agenda. La agenda de lo que ocurrió el pasado 11 de septiembre no la ha hecho Mas ni CiU, se la han hecho y después ha decidido incorporar esa agenda a la suya propia, pero no es la solución.

    Cuando a un político otros le marcan los tiempos y la agenda, quién acaba llevándose el gato al agua no es el que se sube al carro sino el que puso el carro encima de la mesa. Creo que Mas debería reflexionar sobre eso“. (Zitat: EL PAÍS, Madrid)

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  4. uhupardo sagt:

    Ruiz-Gallardon sagt das, was in meinem letzten Kommentar stand. Oder kurz: Man weiss nur, wie man einen Krieg beginnt – wie er endet, weiss niemand.

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