Nordafrikanischer Dominoeffekt: Greifen die Unruhen über?

Theoretisch könnten sich die Unruhen von Tunesien ausgehend auf die gesamte Südostküste des Mittelmeeres ausbreiten. Daraus könnte im ungünstigsten Falle ein Flächenbrand unter den arabischen Völkern entstehen. Zwar ist es nicht schade um jeden Diktator der aus dem Amt verschwindet, aber es müsste dann auch ein einigermaßen funktionierendes, demokratisch legitimiertes System folgen, sonst kämen die Menschen nur vom Regen in die Traufe!

Nun scheint Israel die Lage dazu zu nutzen, den status quo bei den stockenden Friedensgesprächen mit den Palästinensern einzufrieren, zu zementieren mit dem treuherzig vorgetragenen Argument, dass man ja nicht wissen könne, ob diese labilen Systeme Vereinbarungen überhaupt langfristig einzuhalten in der Lage wären. (HAARETZ berichtete gestern. Siehe dazu den vorigen Artikel in diesem Blog.)

Anscheinend waren die Europäer genauso unvorbereitet von der Entwicklung wie die arabischen Diktatoren selbst? Europa muss ein vitales Interesse daran haben, dass an seiner Südgrenze stabile wirtschaftliche, soziale und politische Verhältnisse herrschen. Einen oder mehrere Bürgerkriege, soziale Unruhen die Flüchtlingsströme auslösen könnten und wohl auch würden, wären das letzte, was die EU sich wünschen könnte. Das Mittelmeer stellt keine ernsthafte Grenze mehr dar. Das zeigen die konstanten Flüchtlingsströme der letzten Jahre nach Spanien, Italien und Griechenland. Einem Ansturm verzweifelter Menschenmassen hätte Europa nichts entgegen zu setzen…

Wem also könnte die Lage nützen? Zunächst einmal den Menschen, die ihre Diktatoren zum Teufel gejagt haben! Die Frage ist, was kommt danach? Militärs, Islamisten, Gotteskrieger, Demokraten? All dies hat unmittelbaren Einfluss auch auf den Nahost-Konflikt, mittelbar auf den Konflikt mit dem Iran und womöglich auf die Entwicklung des Islams als politische Kraft. Nützt die Lage Israel? Nicht notwendigerweise, trotz der schnellen Reaktion Netanyahus von gestern! Aber man darf dabei nicht vergessen, dass Israel zu den meisten dieser Diktatoren inoffizielle Beziehungen verschiedenster Art unterhielt, mit dem Ergebnis, dass diese Länder stillhielten im Nahost-Konflikt egal ob sie dies aus Einsicht, Vorsicht, Klugheit oder Korruption taten.

Von der Vorsicht und Klugheit der Beteiligten wird es abhängen, ob sich diese Staaten in Demokratien transformieren lassen, oder ob sich die Massen radikalisieren, was im Ergebnis auf den „Clash of civilizations“ hinauslaufen könnte. Dann stünde sicher die NATO bereit, „Gewehr bei Fuss“ sozusagen, um entsprechend ihrer neuen Doktrin, dem Westen die Energieversorgung zu gewährleisten.

4 Responses to Nordafrikanischer Dominoeffekt: Greifen die Unruhen über?

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  2. Meine Vermutung: Der Westen mit seiner NATO wird keine Chance haben, viel auszurichten, wenn ein arabisches Land kippt – außer, es gibt dort eine auch zahlenmäßig starke Gruppe, die sich auf die westliche Seite schlägt. Aber auch dann entsteht keine nachhaltig westliche Orientierung, im Gegenteil.

    Meine zweite Vermutung: Gelingt der korrupten Clique, die Ägypten regiert, ein einigermaßen reibungsloser Übergang auf einen Nachfolger für Mubarrak, passiert dort nicht viel. Gelingt dieser Übergang nicht, gibt es also Diadochen-Kämpfe um das Erbe, könnte sich eine Seite mit den Muslimbrüdern verbünden … Dann (aber wohl nur dann) könnte es dort ebenfalls zum Volksaufstand kommen.

    Algerien kann ich überhaupt nicht einschätzen. Auch Jordanien nicht, oder den Yemen.

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    • almabu sagt:

      …Der Westen mit seiner NATO wird keine Chance haben, viel auszurichten, wenn ein arabisches Land kippt – außer, es gibt dort eine auch zahlenmäßig starke Gruppe, die sich auf die westliche Seite schlägt…

      Da wird der gewinnen, die der perspektivlos herumhängenden Jugendlichen auf seine Seite bringt!

      …Aber auch dann entsteht keine nachhaltig westliche Orientierung, im Gegenteil…

      Ich könnte mir schon vorstellen, das „der Westen“ insgesamt eine positive Ausstrahlung auf diese Jugendlichen haben könnte! Das werden nicht alles geborene Islamisten sein?

      …Gelingt der korrupten Clique, die Ägypten regiert, ein einigermaßen reibungsloser Übergang auf einen Nachfolger für Mubarrak, passiert dort nicht viel…

      Ich glaube nicht, dass es Mubarak gelingen wird, seinen farblosen Sohn durchzusetzen.
      Algerien könnte schon, mehr oder weniger schnell, demokratisch funktionieren. Mich interessiert Libyen: Ob sich die Gaddafi-Sippe halten kann? Wie sich die Energiekonzerne verhalten werden?

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      • almabu sagt:

        Theoretisch könnte es an der gesamten Süd- und Ostküste des Mittelmeeres zu Volkserhebungen kommen und da schließe ich die „einzige Demokratie des Nahen Ostens“ nicht einmal völlig aus, denn dort gärt es auch langsam!
        Europa wirkt in seiner ersten Reaktion ein wenig ratlos, beinahe peinlich berührt? Die Diktatorenclique war aber auch zu bequem für uns…
        Dafür mischen wir uns jetzt um so intensiver ein. Die Verhältnisse sollen stabil bleiben oder schnell wieder so werden. Ein bisschen demokratische Kosmetik wäre OK, ja angebracht, aber bloß keinen politischen Islam oder irgend etwas was nicht durch uns ferngesteuert werden kann.
        Und last not least: Es darf auf keinen Fall zu unkontrollierten Flüchtlingsströmen in die EU kommen und die Länder in denen es wichtige Rohstoffe, Energie und Bodenschätze gibt, müssen natürlich ruhig bleiben…

        So etwa kommt mir – überspitzt formuliert – die Haltung der EU zu dieser Frage vor!

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